Geisterbahnhöfe und S-Bahn-Boykott

Bei meiner Tour am letzten Samstag ist es mir mal wieder aufgefallen, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich im Sommer 1989 mit meiner Mutter für einen Tag im geteilten Berlin gewesen war.

Wir sind zwar dann doch noch vor dem Mauerfall nach Westdeutschland ausgewandert, aber in Berlin war ich erst wieder ca. 1992/93, so dass ich das Leben in der geteilten Stadt nicht mehr richtig kennen gelernt habe. Und nach meinem Umzug nach Berlin im Frühsommer 1996 gehörten für mich Ost und West eh schon zusammen, und ich kreuzte, wie selbstverständlich durch die gesamte Stadt auf dem Weg zur Arbeit oder um Freunde zu besuchen, die in anderen Bezirken lebten. Wäre da nicht dieser eine Tag im Sommer 1989, wo wir nach Berlin kamen...

Frühmorgens ging es mit dem Regionalzug bis nach Bernau bei Berlin, dann weiter mit der S-Bahn bis zur Friedrichstraße, wo sich damals ein Grenzkontrollpunkt befand. Erst später habe ich erfahren, dass man dieses Gebäude bis Heute noch "Tränen-Palast" nennt, ob wg. der glücklichen Auswanderer, die die DDR verlassen durften, ob wg. der Familien, die getrennt lebend, sich hier an der Grenze verabschieden mussten. Heute gibt es im "Tränen-Palast" ein kleines Museum zu den "Grenz-Erfahrungen"... Aber nicht darüber wollte ich diesmal schreiben...

Nach der Grenzkontrolle wollten wir mit der S-Bahn weiter zum Bahnhof Zoo fahren, um auf dem Kudamm zu schlendern, aber aus irgendwelchem Grund landeten wir in der U-Bahn und... So habe ich die Berliner Geisterbahnhöfe kennengelernt! Schon damals begann und endete die heutige U-Bahnlinie 6 in West-Berlin, aber zwischen Wedding und Kreuzberg verlief die Strecke unter dem Ostberliner Zentrum, so dass die dort sich befindenden Bahnhöfe geschlossen und auf den Bahnsteigen von bewaffneten Grenzposten bewacht wurden. Die einzige "offene" Station war unter dem Grenzbahnhof Friedrichstraße und so stiegen wir dort in die U-Bahn ein und durch die geschlossenen Bahnhöfe "Französische Straße" und "Stadtmitte" ging es unter dem Checkpoint Charlie (was ich damals gar nicht wußte!!!) bis zur "Kochstraße", wo wir dann in die umgekehrte Richtung umstiegen und den gleichen Weg bis zur Friedrichstraße zurück fuhren. Und noch Heute kann ich mich an die Dunkelheit der geschlossenen Bahnhöfe und die Soldaten mit Waffen erinnern... Eine andere, verkehrte Welt!

In der Friedrichstraße zurück, fanden wir letztendlich den Weg in die S-Bahn und... über wen Mauerstreifen hinweg, mit Blick zu dem Reichstagsgebäude ging es endlich Richtung Westen weiter! Es war ein sonniger Augusttag, warm, freundlich, fröhlich... Die S-Bahn war fast leer und bald stiegen wir am Bahnhof Zoo aus und das erste, woran ich mich am Kudamm erinnere, war ein berliner Doppeldeckerbus mit der Werbung vom Wodka Gorbatschow... Was??? Michail hat im Westen einen eigenen Wodka??? Wow!!! Erst Jahre danach erfuhr ich übrigens, warum die S-Bahn so leer war... Bis 1984 wurde sie durch die ostdeutsche Reichsbahn betrieben und von den Westberlinern boykottiert. Die BVG entwickelte ihren Stadtverkehr so, dass man getrost auf die S-Bahn verzichten konnte, in dem man sich durch die Stadt mit Bus, Straßenbahn (noch bis in die 1960ger Jahre) und U-Bahn bewegte. Und erst nach dem Mauerfall wuchs auch hier, das was zusammen gehörte, so dass die S-Bahn trotz ihrer Betriebsprobleme und Pannen nicht mehr aus dem Stadtbild weg zu denken ist... Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte!

Heute kann man die gesamte Stadt mit einem Ticket AB erfahren - und für Vielfahrer eignen sich am besten die Tageskarten, die es sowohl für Einzelpersonen, als auch für Kleingruppen (bis 5 Reisende) gibt. Und mit einem Ticket ABC kann man u. anderem auch nach Potsdam, Oranienburg (Sachsenhausen!) oder zum Flughafen Schönefeld fahren.

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